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Der Kurs nach Bornholm
Temps anciens · Message: Motivation
Kapitel 1: Der Anfang
Der Schuppen roch nach Teer, nassem Holz und jenen zwölf Jahren, die Ruth Albers hier nicht mehr gewesen war.
Durch die Ritzen der Bretterwand fiel das schräge Oktoberlicht von Fehmarn und legte goldene Streifen über den Rumpf der Möwe, der unter einer staubgrauen Plane lag wie ein Tier im Winterschlaf.
Ruth war neunundvierzig, Lehrerin für Erdkunde an einer Gesamtschule in Kiel, und sie wusste ziemlich genau, wie Küstenlinien entstehen und warum Ostseewellen so kurz und tückisch sind.
Was sie nicht wusste, war, warum ihre Hände zitterten, als sie die Plane zurückschlug.
„Du kannst sie auch einfach mir überlassen“, sagte ihr Bruder Till, der in der Tür lehnte, die Thermoskanne unter dem Arm. „Der Käufer für den Schuppen kommt am Freitag.
Der Händler aus Heiligenhafen nimmt das Boot gleich mit, als Bastelprojekt.“
„Als Bastelprojekt“, wiederholte Ruth und strich über die Bordwand.
Der Lack war gesprungen, darunter schimmerte das Mahagoni, das ihr Vater in drei Sommern Planke für Planke eingepasst hatte.
Damals waren sie zu dritt gewesen.
Ihr Vater am Ruder, Till am Vorschot, und Ruth, siebzehn und unerschrocken, mit der Seekarte auf den Knien.
Später, als der Vater nicht mehr segeln konnte, hatte sie die Möwe allein übernommen, und einmal, ein einziges Mal, hatte sie es bis zur Hälfte nach Bornholm geschafft, bevor eine Böe den Mast knickte und sie mit eingezogenem Kopf zurückdümpelte.
Danach hatte sie Klausuren korrigiert, Elternabende überstanden und sich eingeredet, dass Fernweh eine Krankheit junger Leute sei.
Sie stieg über die Reling in die Kajüte.
Unter der Koje lag, in eine Plastiktüte gewickelt, das Logbuch.
Die letzte Eintragung stand in ihrer eigenen, damals noch runderen Handschrift: Wind West 5, Kurs 72 Grad, Ziel Rønne.
Darunter nichts.
Nur eine leere Seite, die sie anzustarren schien wie eine unbeantwortete Frage.
„Ruth?“, rief Till von draußen. „Alles in Ordnung da unten?“
„Wie lange hält ein Rigg, wenn man es neu spannt?“, fragte Ruth zurück, und ihre Stimme klang fremd und hell in dem engen Raum.
Till schwieg so lange, dass sie das Knarzen der Dachbalken hörte.
Dann lachte er, dieses kurze, ungläubige Lachen, das er schon als Junge gehabt hatte. „Bis Freitag jedenfalls nicht.“
Ruth klappte das Logbuch zu und spürte das raue Leinen unter den Fingerkuppen.
Vier Tage.
Ein gerissener Lack, ein fehlender Mast, ein Bruder mit Zweifeln und eine Frau, die seit zwölf Jahren nicht mehr aufs offene Wasser hinausgefahren war.
Sie kletterte zurück ins Licht, nahm Till die Thermoskanne ab und goss sich einen Becher ein. „Dann fangen wir morgen früh an“, sagte sie. „Bei Sonnenaufgang.
Und du rufst den Händler aus Heiligenhafen an.“
Draußen schlug der Wind gegen die Bretter, als hätte er nur auf diese Antwort gewartet.
Kapitel 2: Das Abenteuer
Erst hinter der Ansteuerungstonne, als das Großsegel sich füllte und das Boot sich mit einem zufriedenen Ächzen auf die Seite legte, holte Till die Blechdose hervor, die sie am Abend zuvor unter der losen Planke im Schuppen gefunden hatten.
Darin lag, in Wachstuch eingeschlagen, ein Heft mit fleckigem Umschlag, die Schrift darin schräg und eilig, die Schrift ihres Großvaters.
„Er hat nie darüber geredet“, sagte Till und blätterte vorsichtig, als könnten die Seiten im Wind zerfallen. „Kein einziges Mal.“
Ruth kannte nur Bruchstücke: der Winter 1945, ein überfüllter Kutter aus Kolberg, ein Junge von elf Jahren zwischen Fremden, die Insel Bornholm als erste Zuflucht, bevor es weiter nach Westen ging.
Ihr Vater hatte diese Fahrt nachsegeln wollen, Jahr um Jahr, und war doch nie losgekommen, immer war ein Grund dazwischengekommen, ein Auftrag, ein Rücken, schließlich die Krankheit.
„Lies vor“, sagte Ruth und schob die Thermoskanne zu ihm hinüber.
Till räusperte sich. „Vierter März.
Kein Land zu sehen.
Die Frau neben mir sagt, wer aufhört zu rudern, hört auf zu hoffen.
Ich rudere nicht, aber ich schöpfe Wasser, bis ich die Hände nicht mehr spüre.“
Eine Weile sagte keiner etwas.
Der Fehmarnsund lag längst achteraus, die Brücke war nur noch ein blasser Bogen, und vor ihnen öffnete sich die Ostsee, weit und unentschieden in ihrem Blaugrau.
Ruth spürte, wie sich etwas in ihrer Brust lockerte, das sie zwölf Jahre lang festgehalten hatte.
Sie hatte geglaubt, sie sei zu spät gekommen für dieses Boot, für diesen Bruder, für all das.
Aber das Boot lief, und der Bruder las, und die Pinne zog lebendig in ihrer Hand.
Am Nachmittag frischte der Wind auf.
Ruth refften das Groß, Till holte die Fock dichter, und sie bewegten sich umeinander, als hätten sie es nie verlernt.
Gegen Abend kam Till mit dem Heft zu ihr ins Cockpit, den Finger auf der letzten beschriebenen Seite.
„Hier stehen Koordinaten“, sagte er leise. „Nicht Bornholm.
Ein Punkt davor, mitten auf See.
Und darunter, in Vaters Schrift: Hier haben wir ihn verloren.“
Ruth sah nach Osten, wo sich über dem Horizont eine dunkle, schwere Wolkenbank aufschob, und das Barometer neben dem Niedergang war gefallen.
Kapitel 3: Die Herausforderung
Ruth stand am Ruder, die Füße gegen die Planke gestemmt, die der Vater vor Jahrzehnten selbst eingepasst hatte, und spürte jede Woge bis in die Knie.
Gischt fegte über das Deck, salzig und eiskalt, und irgendwo vorn schlug ein loses Fall gegen den Mast, unablässig, wie ein ungeduldiger Finger.
„Wir müssen reffen!“, rief Till gegen den Wind, das Gesicht bleich im Schein der Kompassleuchte.
„Ich weiß“, antwortete Ruth, und sie wusste es tatsächlich, mit einer Gewissheit, die sie selbst überraschte.
Die Seiten aus dem Heft hatten sie den ganzen Abend begleitet, diese schräge, eilige Schrift des Vaters: *Erst reffen, wenn du daran denkst, nicht wenn du musst.* Sie hatte zu lange gezögert.
Natürlich hatte sie das.
Aber zu spät war es noch nicht.
„Übernimm das Ruder“, sagte sie zu ihrem Bruder. „Halt sie hart am Wind, nicht abfallen, egal was passiert.“
Till griff zu, und sie sah, wie seine Hände zitterten, und dann, wie sie ruhiger wurden.
Ruth hakte sich mit dem Lifebelt an der Strecktau ein und kroch nach vorn, auf allen vieren, das Deck unter ihr ein bockendes, triefendes Ding.
Das Großsegel donnerte über ihr wie eine Plane im Sturm.
Sie fierte das Fall, zerrte das Tuch herunter, Handbreit um Handbreit, band die Reffbändsel mit klammen, tauben Fingern, die sich trotzdem an jeden Knoten erinnerten.
Zwölf Jahre, dachte sie, und die Hände hatten nichts vergessen.
Vielleicht vergaß man das Wichtigste nie, man legte es nur irgendwo ab, wie ein Werkzeug in einem verschlossenen Schuppen.
Als sie zurück ins Cockpit fiel, nass bis auf die Haut, lag das Boot spürbar leichter in der See.
Es stampfte noch, aber es kämpfte nicht mehr gegen sich selbst.
„Du hast das gemacht wie er“, sagte Till leise, und es klang weder vorwurfsvoll noch bewundernd, nur verwundert.
„Nein“, erwiderte Ruth und nahm ihm das Ruder wieder ab. „Er hätte früher gerefft.“
Till lachte, zum ersten Mal seit Heiligenhafen, ein kurzes, überraschtes Lachen, das der Wind sofort davontrug.
Die Stunden danach waren lang und grau.
Ruth steuerte Welle um Welle, nahm jede einzelne schräg, ließ sie unter dem Bug hindurchlaufen, und irgendwann merkte sie, dass sie nicht mehr dachte, sondern nur noch tat.
Gegen vier Uhr ließ der Wind nach, als hätte er genug gesehen.
Und dann, an Steuerbord voraus, kaum mehr als ein Nadelstich im Dunkel: ein Licht, das aufblitzte, verlosch und wieder aufblitzte.
„Hammeren“, sagte Till heiser.
Ruth nickte nur.
Sie traute ihrer Stimme nicht.
Kapitel 4: Das glückliche Ende
Till kroch aus der Kajüte, das Ölzeug halb offen, die Thermoskanne unter den Arm geklemmt wie eine Trophäe.
Er goss zwei Becher voll, lauwarm inzwischen und bitter, und reichte ihr einen.
„Du hast nicht einmal gefragt, ob wir umkehren», sagte Till und sah sie über den Becherrand hinweg an.
„Weil ich Angst hatte, du sagst ja», antwortete Ruth und lachte, und das Lachen klang rau, nach Salz und durchwachter Nacht.
Im Osten wurde der Himmel dünn.
Zuerst nur ein heller Strich über dem Wasser, dann ein Farbton, für den Ruth kein Wort fand, irgendwo zwischen Zinn und Aprikose.
Und darunter, so flach, dass sie es zuerst für eine Wolkenbank hielt, lag ein dunkler Saum Land.
Till stellte den Becher ab, langsam, als könnte eine hastige Bewegung die Insel wieder verschwinden lassen.
Dann holte er das Heft aus der Brusttasche, die Seiten gewellt von der Feuchtigkeit, und schlug die letzte beschriebene Seite auf.
Die Schrift des Vaters, schräg und eng, brach dort mitten in einer Zeile ab: Kurs 068, Bornholm bei Tagesanbruch, wenn die Kinder alt genug sind.
„Er hat es nie gemacht», sagte Till leise. „Vierzig Jahre hat er davon geredet.»
Ruth nahm ihm den Bleistift aus der Hand, der an einer Schnur am Heft hing, und schrieb mit klammen Fingern darunter, ihre Buchstaben runder als seine und weniger sicher: Bornholm in Sicht, 4:52 Uhr.
Beide an Bord.
Sie dachte an den Schuppen, an die Plane, unter der das Boot zwölf Jahre gewartet hatte, an all die Abende, an denen sie sich eingeredet hatte, es sei zu spät für irgendetwas, für das Meer, für den Bruder, für den Vater, dem sie nie gesagt hatte, dass sie seine Pläne für schön gehalten hatte und nicht für Spinnerei.
Zu spät war es tatsächlich gewesen, für manches.
Für anderes nicht.
Die Sonne löste sich vom Horizont und legte eine schmale goldene Bahn übers Wasser, genau auf ihren Bug zu, als hätte jemand sie dort ausgelegt.
„Willst du ans Ruder?», fragte Ruth.
Till schüttelte den Kopf, stemmte aber den Fuß neben ihren gegen die alte Planke, sodass sie Schulter an Schulter standen. „Bring uns rein», sagte er. „Ich schau nur zu.»
Und Ruth hielt Kurs, null-sechs-acht, dem Land entgegen, das langsam Farbe bekam.